Fischland-Darss-Zingst

Bauernschifffahrt brachte wachsenden Wohlstand

Beitrag: Dr. MANFRED HESSEL, Ostseebad Wustrow - leicht gekürzte Fassung,
Quelle: OZ vom 04.09.1995

Trotz wiederholter Versuche, für Fischlandorte und vor allem für Ribnitz einen Seehafen zu bauen, blieben alle Vorstöße ohne Erfolg.
Man musste sich mit bescheidenen Anlegestellen für Fischerboote und Schuten zufrieden geben. Wo blieben die größeren Fahrzeuge mit 50, 100 und mehr Lasten? Noch im 18. Jahrhundert überwog die Kleinstschifffahrt mit Fischerbooten oder Schuten von sechs bis zehn Metern Länge und nur zwei Mann Besatzung. Diese halbgedeckten Boote wurden vom Schiffer oder von einheimischen Zimmerleuten in Schalenbauweise gefertigt.

Mit den einmastigen Schiffen transportierten Ribnitzer, Dändorfer und Fischländer ihre Agrarerzeugnisse und Fischfänge bis nach Lübeck, Kiel, Flensburg oder Kopenhagen. Es waren Einzelfahrten, die neben Ackerbau und Fischerei in den Sommermonaten erfolgte.

Im 15. und 16. Jahrhundert wurde zunehmend Getreide oder Salz sowie Fisch z.B. über die Recknitz und den Bodden bis Dändorf/Dierhagen per Kahn gebracht, dann auf Karren oder Gespanne verladen und an den Strand von Neuhaus gefahren. Hier brachte man die Ware auf kleine Kähne oder Schuten am Ostseestrand. Diese Ent- und Beladen war sehr aufwendig und äußerst schwere Arbeit.

Obwohl dörflichen Ursprungs und von geringem Umfang, neideten die Seestädte Rostock und Stralsund diese Konkurrenz. Doch diese Rivalitäten konnten letztendlich einen Aufschwung der Schifffahrt nicht verhindern. Ja, diese Bauernschifffahrt brachte einige Ersparnisse, um größere Schiffe zu bauen. So existiert eine Chronik, wonach um 1690 der Zimmermeister und Schiffer Hinzmann in Wustrow das erste größere Seeschiff erbaut haben soll. Bemalte Fensterscheiben mit den Namen ihrer Spender, z. B. der Fahrensleute Bradthering und Langhinrichs, zeugen in der Kirche zu Wustrow von dem allmählich wachsenden Wohlstand der Schutenschiffer.

Die Darßer und Zingster standen den Fischländern nicht nach. Auch sie beherrschten die Ruderpinne und die Takelage wohl ebenso sicher wie die Mistgabel und das Fischfanggeschirr. In einem Ribnitzer Bürgerbuch von 1759 stehen u. a. folgende Bürger und Schiffer: "Frantz Parow von Zingst, Joachim Scharffenberg von Prierow, Peter Hoffstaedt und Joachim Wohls von der Sundischen Wiese ...". Und weitere acht Schiffernamen, die alle aus Schwedisch-Pommern stammten, Kaution für die Einbürgerung bezahlten und die Ribnitzer Seeschifffahrt betrieben. Das werden hier nicht die ersten Berufsseeleute in Ribnitz gewesen sein, leider hat der Riesenbrand vom 14. zum 15. März 1759 zu Ribnitz viele Bürgerbücher als Quellen vernichtet.

Einen deutlichen Aufschwung nahm die Schifffahrt zwischen Ribnitz und Barth nach dem Nordischen Krieg (1700-1721) mit den vielen Holzfrachten aus dem Darß. Der Aufschwung des Fernhandels zur See, der Schiffsbedarf im Krimkrieg, die Unabhängigkeitskriege in Nordamerika und die zunehmenden Gewinne der hiesigen Seefahrer förderten mehr und größere Schiffe unter mecklenburgischer Flagge.

Höhepunkt und Niedergang
Bis 1795 war die Fischländer Flotte auf 56 Schiffe von 50 und 60 Lasten angewachsen. Davon gehörten 30 Wustrower Schiffern, 14 gehörten zu Althagen und Niehagen, acht nach Dierhagen und vier nach Dändorf. Es waren vorwiegend einmastige Yachten oder Schlupen und zweimastige Galeassen mit durchschnittlich sieben Mann Besatzung. Mit der rasch zunehmenden Schiffsgröße reichte die Einzelfinanzierung nicht mehr, man musste Anteileigner, Parten, finden, die sich am Bau und an der Nutzung des Schiffes finanziell beteiligten. Das geschah unter Verwandten und Bekannten im Dorf, bald mussten entsprechende Heiraten helfen, oder man gewann kaufmännisch geschulte und begüterte Leute in den reicheren Hafenstädten. Nach 1800 kamen in der hiesigen Region Rahschoner und Brigantinen und bald danach die Briggs und Barken auf. Es handelte sich um vollgedeckte Schiffe und in zunehmender Größenordnung, die meistens in den städtischen Werften gebaut werden mussten, ihre Kompliziertheit, der Tiefgang bis drei, evtl. vier Meter und die wachsende Kapitalsumme erforderten das. Die Masse der Seeflotte der Eigner aus Ribnitz und dem Fischland wurde in Rostock beheimatet, ihre "Heimathäfen" Ribnitz, Dändorf, Dierhagen oder Wustrow haben sie nie gesehen, die navigatorischen Bedingungen, vor allem der geringe Tiefgang auf dem Bodden und die fehlenden Ostseehäfen in diesem Gebiet, machten das unmöglich.

Entscheidend für einen kurzen, aber beachtlichen Aufschwung der Segelflotte dieser Landschaft waren politische und ökonomische Veränderungen. Auf unser Ostseeküstengebiet wirkten folgende neuen Verhältnisse von außen: Anfang des 18. Jahrhunderts kam es zur Aufhebung der ,Britischen Navigationsakte, was einen weltweiten Freihandel gestattete, in Ribnitz, Rostock, Stralsund und an anderen Plätzen waren leistungsfähige Werften entstanden. Nicht zuletzt wurde mit der Aufhebung des dänischen Sundzolls 1857 ein wesentliches Hindernis einer freien "Kauffahrteisegelation" (Seehandelstransport) beseitigt.

Mit besonderem Stolz konnten unsere Vorfahren auf die Fischländer Flotte verweisen. Ihr Heimathafen war Rostock. Eine Seestadt mit einer beachtlichen Segelschiffsflotte. Es waren hier zu Hause: 1840 insgesamt 192 Segelschiffe, 1860 332 Segelschiffe und 1880 335 Segelschiffe. Die Rostocker Segler wurden überwiegend von Schiffsoffizieren und Matrosen gefahren, die aus Ribnitz oder vom Fischland stammten.

Im Jahre 1861 waren von den 335 Kapitänen (Schiffern) 219 auf dem Fischland geboren. ähnlich war es bei den Mannschaften. Von den im Jahre 1876 in Rostock gemusterten 1271 Matrosen kamen 544 vom Fischland. Die Fahrtgebiete erweiterten sich, man ging über die Ost-und Nordseefahrt ins Weiße-, Schwarze- und Mittelmeer. Selbst den Nordatlantik befuhren die Mecklenburger Segelschiffe. Doch bei allen berechtigtem Stolz auf die große Fischländer Seglerflotte gab es Anzeichen genug, dass nach 1870/80 ein Niedergang erfolgen sollte. Warum die hiesige Seefahrerblüte aufhörte, ist ein weiteres Thema.

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